Termin: 03.06.2026, 16:30-18:00 Uhr: “Prozessionen als Inszenierungen”, em.O.Univ.Prof. Mag.art. Dr.phil. Franz Karl Prassl, Kunstuniversität Graz
Prozessionen sind fixer Bestandteil der Liturgie östlicher wie westlicher Kirchen seit der Spätantike. Im Zuge der gottesdienstlichen Entwicklungen des Früh- und Hochmittelalters im lateinischen Westen entwickelte sich ein gut organisiertes System an Umgängen, zunächst an Dom- und Klosterkirchen, aber auch im pfarrlichen Bereich. Die klösterliche Liturgie – etwa in Seckau, Vorau, Admont, St. Lambrecht usw. – kannte jeden Sonn- und Festtag eine Prozession vor der Hauptmesse im Inneren der Kirche bzw. im Kreuzgang, die einer fixen Struktur folgte. Auch sonst fanden in der Kirche zahlreiche Umgänge statt, etwa am Patronatsfest eines Heiligen zu dessen Altar oder zu dessen Kapelle. Im Laufe des Kirchenjahres gab es fixe Prozessionen etwa zu Mariä Lichtmess (2.2.), am Aschermittwoch, im Rahmen des Triduum sacrum, bei der österlichen Taufvesper usw. Viele Prozessionen führten auch ins Freie, der öffentliche Raum wurde so zur Darstellung der Feier von Glaubensinhalten, mitunter auch Machtdemonstrationen. Dazu gehörten die Palmprozession am Palmsonntag, die Bittprozessionen vor Christi Himmelfahrt und vor allem die Fronleichnamsprozession, die nach der Rekatholisierung der Steiermark vielfach eine machtvolle Demonstration katholischer Prädominanz geworden ist. Ihre Miniaturausgabe sind die „Initien“ mit dem Wettersegen bis zum 15. August. Zu erwähnen sind auch die Umgänge zu Allerheiligen/Allerseelen usw. Prozessionen folgen meist einem lokal entwickelten Ritual, das zur Identitätsbildung von Kirchgemeinden vor Ort dazugehört. Viele theatralische Elemente verstärkten seit jeher die Sichtbarmachung des zu feiernden Mysteriums, für die akustische Unterstreichung dessen sorgten Gesang und Musik je nach dem Lauf der Zeit von der Gregorianik bis zu mitgetragenen Orgeln oder bis zur Blaskapelle und zur Band. Das Event war mitunter auftrumpfend oder ein bescheideneres Glaubenszeugnis, wie dies heute eher der Fall ist.
Die Vorlesung wirft einen facettenreichen Blick auf das Phänomen theatraler (Re-)Präsentation im steirisch-innerösterreichischen Geschichtsraum über zwei Jahrtausende. Reale Theatergebäude – das antike Amphitheater in Flavia Solva ebenso wie das italienische Opernhaus am Tummelplatz oder das 1776 (!) eröffnete Schauspielhaus – sollen dabei ebenso vorgestellt werden wie bemerkenswerte Aufführungen (etwa ‚Orfeo ed Euridice‘ des Hofkapellmeisters Johann Josef Fux) oder konkrete Bühnenstars (wie Johann Nestroy, der vor 200 Jahren seine Karriere als Komiker in Graz begann). Der Theaterbegriff soll aber nicht nur gegenständlich, sondern auch metaphorisch-systemisch erfahrbar werden: als Chiffre für berühmte Sammelunternehmen (wie das ‚Theatrum orbis terrarum‘) oder auch als Umschreibung für ‚theatrale‘ Inszenierung in verschiedenen Feldern. Dementsprechend werden auch kartographische Repräsentationen der Steiermark, Gerichts- und Sportspektakel oder Inszenierungen von Glaubensritualen, politischer Macht und Weiblichkeit u.a.m. ihren Platz finden.